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Der Sommer ihres Lebens

vom 14.09.2017

Von Julia Sloboda - Allgemeine Zeitung Mainz

Sinja Kraus ist seit 24 Matches ungeschlagen / Mit den zuletzt vier Turniersiegen hat sie nicht gerechnet

Statt Urlaub zu machen, fuhr Sinja Kraus vom TSC Mainz während der Sommerferien von Turnier zu Turnier. Ihre Erfolge katapultierten die 15-Jährige auch in der U18-Weltrangliste nach vorne. Archivfoto: imago

Valeria Solovyeva stand schon einmal auf Position 163 der Tennis-Weltrangliste. Zum Vergleich: Das sind Gefilde, in denen derzeit die deutschen Spielerinnen Annika Beck und Sabine Lisicki zu finden sind. Mittlerweile ist Solovyeva auf Position 514 abgerutscht, aber immer noch in Sachen Profi-Tennis unterwegs. Ihre Reise führte die 24-jährige Russin in der vergangenen Woche zum Damen-Turnier der German Masters Serie in Mannheim.

Dort traf Solovyeva im Halbfinale auf Sinja Kraus. Und hatte – zumindest im zweiten Satz – keine Chance gegen die 15-jährige Spielerin des TSC Mainz. 7:5, 6:0 gewann Kraus gegen die an eins gesetzte Russin. „Ich habe verhalten angefangen, aber dann super gespielt“, sagte Kraus. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie gewinnt“, staunte auch TSC-Cheftrainer Babak Momeni. Während der Coach abseits des Platzes schon nervös wurde, spielte Kraus einfach weiter voll durch, wie Momeni erzählt. Der Lohn: ein Platz im Finale. Das Endspiel gewann die Mainzerin nach dreistündigem Kampf gegen die Qualifikantin Jasmina Kajtazovic 7:5, 3:6, 6:4. Dabei musste sie im ersten Satz einen 2:5 und im zweiten Satz einen 1:4-Rückstand aufholen. „Das war schon sehr anstrengend“, sagt Kraus.

Kein Wunder. In den vergangenen Wochen gönnte sich die 15-Jährige fast gar keine Pause. Die Sommerferien nutzte sie durchweg dazu, Turniere zu spielen. Was mit der Bronzemedaille bei den Olympischen Jugendspielen im ungarischen Györ begonnen hatte, setzte sich als eindrucksvolle Erfolgsserie bis zum vergangenen Wochenende durch. Vier Turniersiege, 24 Matches in Folge ungeschlagen. Das hatte zumindest Papa Gerhard so errechnet. „Ich dachte, es wären nur 21“, wollte Sinja Kraus den väterlichen Rechenkünsten erst nicht glauben. Um nach kurzem Nachdenken hinzuzufügen: „Ja, er hat doch Recht.“ Die letzte Niederlage kassierte die 15-Jährige beim Halbfinale in Györ. Und ja, sie könne sich trotz ihrer Serie noch gut daran erinnern, wie es sich anfühlt, zu verlieren.

Weder sie noch ihr Umfeld hätten vor den Turnierreisen damit gerechnet, dass der Sommer so erfolgreich verläuft. „Ich habe fleißig trainiert“, sucht Kraus nach einer Erklärung. „Ich habe gemerkt, dass sie langsam da ist, wo sie hingehört“, sagt Babak Momeni, der die Entwicklung seines Schützlings „rasant“ findet. „Sie merkt, dass sie ein ganz anderes Potenzial hat. Sie kann jede schlagen.“

Ihr Potenzial bemerkte die 15-Jährige auch in der vergangenen Woche beim Training. In Koblenz spielte sie zusammen mit Anna-Lena Friedsam. Die hat immerhin schon ein Turnier auf der WTA-Tour gewonnen und stand vor einem Jahr auf Position 45 der Welt. Seitdem hat die 23-Jährige, die bereits für den Fed Cup nominiert wurde, verletzungsbedingt kein Turnier mehr gespielt. „Sinja hat vom Training mit ihr unfassbar viel profitiert. Sie hat gesehen, dass sie gut mitspielen kann.“ Sofern es die Zeit zulässt, soll es weitere gemeinsame Trainingseinheiten geben.

Ohnehin steht für Sinja Kraus nun erst einmal der Tennis-Alltag in Mainz an. Seit Dienstag geht die Elftklässlerin wieder zur Schule. In Sachen Tennis will sie vor allem an der Kondition arbeiten und die etwas angeschlagene Schulter kurieren. „Ich hoffe, dass sie körperlich noch stabiler wird“, sagt Trainer Babak Momeni. Wenn der Körper mitmache, könne die nächste Zeit sehr interessant werden. Wie anstrengend Spiele auf Top-Niveau sind, merkte Kraus im Halbfinale von Mannheim. „Sie musste so lange Wege gehen. Im Finale war sie dann halbtot“, schmunzelt Momeni.

Trainer Babak Momeni sorgt für die Bodenhaftung

Der Cheftrainer des TSC Mainz hat neben der tennisspezifischen Förderung noch eine weitere Aufgabe. „Jeder klopft ihr auf die Schulter“, beschreibt er. Deshalb müsse er mit dafür sorgen, dass die gebürtige Österreicherin auf dem Boden bleibe. Insgeheim hatte er während des 24-Matches-Erfolgslaufes auch mal auf eine Niederlage gehofft. „Schlecht wäre es nicht gewesen, mal eins auf den Deckel zu bekommen“, grinst er. Um zu merken, dass es auch noch bessere Spielerinnen gebe. Doch Sinja Kraus tat Momeni den Gefallen nicht.

Das Gefühl des permanenten Gewinnens wird Kraus nun eine Weile fehlen. Erst im Herbst steht das nächste Turnier in Spanien an. Genügend Puffer, um auch mal etwas Zeit zuhause zu verbringen. Denn das kam während der Sommerferien zu kurz. Ihre Eltern hatten damit gerechnet, dass sie zwischen den einzelnen Turnieren auch mal nach Hause kommt. Doch weil Sinja Kraus nie ausschied, wurde daraus nichts. Mit vier Turniersiegen dürfte das jedoch zu verkraften sein.